Ja, ja. Ich erledige es - morgen


 

 

 

 



Dinge auf die lange Bank schieben.

Ein Beispiel als Ausgangslage

 

"Wow, bei dir ist der Rasen immer so schön gemäht. Unglaublich diese Pracht", staunt eine Bekannte - und will wissen, ob ich mir jetzt einen Gärtner leiste. "Nein", erwidere ich, "den Rasen mähe ich selber." Sei ja keine Kunst für einen Studenten, der zu Hause für seine Prüfungen büffelt. Das Mähen erledige ich easy zwischen Studium, Café-Pause und Haushalt.

"Glückwunsch!", dachte ich so für mich später. "Jetzt redest du es auch noch schön", sagte mir meine innere Stimme.

Die Wahrheit ist: Ich schiebe auf, wie schätzungsweise ein Viertel der Bevölkerung. Denken Sie nur schon an das Ausfüllen der Steuererklärung. Prokrastination lautet das zungenbrechende Fachwort dafür.

Dass auf meinem Rasen jeder Grashalm gleich lang erscheint, sich die Sonne entsprechend darin spiegelt und man annehmen könnte, mein Rasen vor dem Haus sei Kunstrasen, zeigt lediglich: Ich tue etwas - aber nicht das, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte.

 

Während ich durch die Wohnung tigere, wartet sie nämlich auf mich: jene Arbeit, die zu erledigen wäre. 

Die, die ich mir vorgenommen habe. Die bereits gestern hätte erledigt werden müssen und mit ein bisschen Planung und Disziplin schon seit Tagen vom Tisch, ach, schon längst kein Thema mehr wäre. Dabei mangelt es nicht am guten Vorsatz: Ich stehe jeden Morgen auf und starte um die gleiche Zeit meinen Compi, lese noch einmal meinen Biologie-Vortrag durch, öffne kurz meine Mails, dann ein schneeweisses Word-Dokument und könnte dann mit der Schreibarbeit für den Vortrag beginnen.

 

Ja, ja. Morgen! Nur nicht heute!

Plötzlich ist mein Kopf leer. Die Finger liegen wie eingefroren auf der Tastatur. Obwohl ich es gar nicht will, wandert die rechte Hand zur Maus und beginnt zu zucken. Ein Startsignal? Mitnichten. Völlig autonom klickt sich der Zeigefinger durch beliebige Internet-Seiten. Dort suchen Aufschieber zwecks Ablenkungsmanöver beispielsweise auf Ebay nach Schnäppchen, die sie nicht benötigen. Oder man eröffnet Konversationen auf Facebook, die plötzlich sehr wichtig sind. "Ich mache immerhin etwas Nützliches." Ein Bewegungsdrang lässt mich vom Schreibtisch hochspringen: "Oh Gott, ich muss ja noch den Rasen mähen!"

Entschlossen öffne ich das Garagentor und greife nach dem Rasenmäher. All das mit einem Tatendrang, als gelte es den Teufel auszutreiben. Oder den Schreibstau.

 

Jetzt aber wirklich!

Bei Aufschieberitis werde ich in einen bemerkenswerten Zustand versetzt, der laut Experten FLOW genannt wird.

Ganz aufgehen in der Tätigkeit, ganz präsent sein bei dem, was man tut. Bis nach dem Mähen das Telefon klingelt, ein Kumpel sich nach bestimmten Unterlagen für den Biologie-Vortrag erkundigt und ich in mein Zimmer laufe um danach zu suchen. Spätestens dann wird klar: In meinem Fall ist das Quatsch mit dem Flow. Selbstbetrug und reines Ablenkungsmanöver! Ich tausche Hauptsache ab mit Nebensache.

Ich sage mir in diesem Moment: "Jetzt aber wirklich!" Ich setze mich an den Schreibtisch. Der Rest ist bekannt.

Bis auf drei wesentliche Unterschiede: Nach mehreren Runden Aufschub ist auch noch aus Gefälligkeit die hinterletzte Ecke des Nachbarn gemäht. Der Abgabetermin ist morgen. Und damit endgültig gewiss, dass ich mich und andere wieder in die Bredouille gebracht habe.

Nun, das Rasenmähen kann ich auf morgen verschieben. Obwohl der Rasen wieder um zwei Millimeter gewachsen ist.


Und jetzt? Was dagegen tun?

Viele Aufschieber kriegen ihre kleinen „Vertagungen“ zwar irgendwann wieder in den Griff, andere jedoch nicht: Sie sind aber nicht besonders faul, sondern haben eine psychische Arbeitsstörung.

Verschieben von Aufgaben kann Unlust oder sogar Angst auslösen. Solche Gefühle erschweren das Anpacken und Erledigen der Dinge noch viel mehr. Oft entsteht ein Teufelskreis. Wiederholt wird ein Vorsatz zu einem bestimmten Zeitpunkt gefasst, den man erneut verstreichen lässt. Das produziert gehörigen Druck.

 

Erstens: Zerlegen Sie Aufgaben in mehrere einzelne Schritte.

Versuchen Sie Aufgaben in kleine Einzelschritte zu zerlegen. Kleine Portionen! Niemand erklimmt einen hohen Berg in einer Etappe. Wer füllt schon gerne die Steuererklärung aus? An Stelle des Aufschiebens können se zwei bis drei Etappen für das Ausfüllen der Steuererklärung terminieren. Unterlagen zusammensuchen – die einfacheren Fragen ausfüllen – die aufwendigeren Formulare bearbeiten.

 

Zweitens: Geben Sie der Aufgabe eine Struktur.

Besonders erfolgreiche Methoden sind dabei die Strukturierung des Arbeitsverhaltens, das Setzen realistischer Ziele und ein positiver Umgang mit Ablenkungsquellen und negativen Gefühlen. Systematisches Üben mit alternativem Arbeitsverhalten soll das „Aufschieben“ Schritt für Schritt abbauen.

 

Drittens: Lassen Sie gute Gefühle entstehen.

Organisieren Sie sich gut, setzen sie Prioritäten. Perfektionismus oder Ängste können unangenehme Gefühle entstehen lassen, die den „Aufschieber“ von einer Aufgabe abhalten.

Lassen Sie aufgrund guter Arbeitseinteilung (Planung) kein "Aufgabenberg" entstehen. Schätzen Sie Zeit und Umfang richtig ein. Und lassen Sie gute Gefühle zu: stellen Sie an sich selbst nicht zu hohe Erwartungen. Planen Sie Reserve- und Freizeitfenster mit ein.

Bei Aufschiebern kann auch die Überzeugung zugrunde liegen, dass Arbeit nur dann nützlich oder gewinnbringend ist, wenn man in der „richtigen Stimmung“ dazu sei. Na ja, da könnte die Steuerverwaltung noch lange auf meine Steuererklärung warten.


Fazit

Eine allgemeingültige Ursache für häufiges oder chronisches Aufschiebeverhalten ist mir nicht bekannt.

Eher im Gegenteil;  Gründe für ein Aufschieben der Aufgaben können aus verschiedensten Richtungen stammen.

 

Aufschieberitis tritt häufig auf, wenn die Betroffenen unter Versagens- oder Kritikängsten leiden. Sie gelten in solchen Situationen lieber als faul denn als unfähig bestimmte Aufgaben, beispielsweise den nächsten Mathe-Test, zu bestehen. Im Prinzip ist Aufschieberitis nichts anderes als eine Verzögerungstaktik – mit einem Haken: Man täuscht nicht andere, sondern sich selbst. Und ist sich dessen auch noch vollkommen bewusst. Die Selbstkritik führt zu Druck und dieser wiederum zum Selbstwertverlust.

Aufschieberitis: ein Thema im Tagesseminar

Seminarangebote zielen selten ausschliesslich auf das Thema "Aufschieberitis" ab. Dinge aufzuschieben ist eine eingefleischte Verhaltensgewohnheit. Solches Verhalten wird im Seminar nebst anderen Ursachen in Schwerpunkt-Themen wie "Hausaufgaben-Knatsch", Null-Bock-Stimmung" oder "Selbständig lernen" ebenfalls angesprochen.

 

 Besteht ein mehrheitliches Interesse bei den Seminarteilnehmern, verschiebe ich die Themen verhältnismässig mit angepasster Priorität.
Schliesslich möchte ich ja auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden eingehen können.


Seminar-Hinweise